7. IHK-Außenwirtschaftstag NRW | 13. September 2011 in Dortmund

Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen
Erfolgreiche Wege zum internationalen Geschäft

Samstag, 04.02.2012

.Indien

(Foto: Amy Dunn - Fotolia)

Aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen

Deutsche Firmen profitieren von Indiens Wachstum

Quelle: www.gtai.de

Indien will rasch wieder den steilen Wachstumspfad einschlagen, den es vor Einbruch der weltweiten Krise beschritten hatte. Die Regierung möchte die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft verbessern und plant weitere Investitionen in die Infrastruktur. Für ausländische Unternehmen ist der indische Markt aber immer noch eine Herausforderung. Chancen und Schwierigkeiten für deutsche Exporteure und Investoren wurden auf der 5. Handelsblatt Jahrestagung zum Thema Indien aufgezeigt, die am 4.12.09 in Berlin stattfand. 

Indien hat die Weltwirtschaftskrise vergleichsweise gut gemeistert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verzeichnete im 3. Quartal 2009 bereits wieder ein Plus von 7,9%, obwohl das Land mit dem eingebrochenen Handel, einer Kreditklemme und einem zu kräftigen Monsun zu kämpfen hatte. Entsprechend hoch steckt die Regierung die Ziele für die weitere Entwicklung: Ein Wachstum von 9% soll schnellstmöglich wieder erreicht werden. Ihre bisherige Wirtschaftspolitik will sie daher fortführen. "Der Ausgang der Wahlen im Mai 2009 war ein Symbol für Stabilität und ein Zeichen für die Weiterführung der Reformen", so der Botschafter der Republik Indien in Deutschland, Sudhir Vyas, auf der Jahrestagung. 

Deutschland ist für Indien ein zunehmend wichtiger Handelspartner, deutsche Produkte genießen einen guten Ruf. Lange Zeit lagen die Wachstumsraten des bilateralen Handels im zweistelligen Bereich, im 1. Halbjahr 2009 ging das Volumen allerdings um gut 7% zurück. Vyas sieht jedoch weiterhin großes Potenzial, da beide Länder bislang nur für einen relativ geringen Teil des Außenhandels des jeweils anderen stünden. Bis 2020 wolle Indien zudem seinen Beitrag zum Welthandel verdoppeln, bereits im Finanzjahr 2010/11 (1.4. bis 31.3.) sollen die Ausfuhren wieder um rund 15% zulegen. 

(Foto: Melissa Schalke - Fotolia)

Der Subkontinent gewinnt auch als Investitionsstandort an Attraktivität, die deutschen Direktinvestitionen sind in den letzten Jahren kräftig gestiegen. Zu den Firmen, die bereits den Schritt einer eigenen Niederlassung vor Ort gewagt haben, zählen sowohl große Unternehmen als auch Mittelständler. Indien wird dabei von der Mehrzahl nicht als verlängerte Werkbank, sondern als vielversprechender Absatzmarkt angesehen. Aufgrund der günstigen geographischen Lage bietet sich das Land jedoch auch als Exportbasis an. Die Waren aus der verhältnismäßig preiswerten lokalen Produktion können laut Meinung von Unternehmern gut sowohl in andere asiatische als auch in afrikanische Länder ausgeführt werden. 

Investitionen sind inzwischen in vielen Wirtschaftszweigen möglich, und Botschafter Vyas bekräftigte Indiens Absicht, den Weg der Liberalisierung fortzuführen. Zur Diskussion stehen insbesondere das Versicherungsgewerbe sowie der Einzelhandel. Die Richtung sei klar, der Zeitplan jedoch noch nicht abgesteckt. 

Indien dürfte in Zukunft auch stärker als Beschaffungsmarkt dienen. Der Einkauf von Teilen für die Weiterverarbeitung auf dem europäischen Markt ist für viele Unternehmen lohnenswert. Insbesondere die Automobilbranche greift laut Wilfried Aulbur, Managing Director und CEO von Mercedes-Benz India, auf indische Lieferanten zurück, die technologisch aufholen und zunehmend über die gängigen Zertifizierungen verfügen. Da die Prozesse in vielen Betrieben jedoch noch nicht europäischen Standards entsprächen, empfiehlt er allerdings, die Einhaltung von Terminen und einer konstanten Qualität seitens des Geschäftspartners stärker im Auge zu behalten. 

Dass der indische Markt eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich bringt, kam in vielen Veranstaltungsbeiträgen zum Ausdruck. Neben der Größe des Landes und der Heterogenität der Bevölkerung zählen hierzu auch die bürokratischen Strukturen. Diese spiegeln sich ebenso in langwierigen Zollprozeduren wider wie im alltäglichen Umgang mit Behörden. Auch das komplexe Steuersystem stellt ein Problem für viele Unternehmen dar. Eine erste Vereinfachung erwarten Rechtsexperten, wenn im April 2010 wie angekündigt die Goods and Services Tax eingeführt wird, die eine Vielzahl anderer Steuern ablösen soll. 

Einen Schwerpunkt der Konferenz bildete der Umgang mit den besonderen Gegebenheiten auf dem indischen Arbeitsmarkt. Die knappe Zahl hochqualifizierter Kandidaten führe dazu, dass sich die Gehälter inflationär und abgekoppelt von der Leistungssteigerung entwickelten. Zudem sei die Bindung der Arbeitnehmer an die Unternehmen im Allgemeinen gering, was zu einer extrem hohen Fluktuation führe. "Ein Wechsel alle zwei bis drei Jahre ist normal", so Ulrich Proske, CFO von Volkswagen India. Die indische Regierung will in Zukunft stärker in Bildung investieren und hofft, durch eine höhere Zahl von Absolventen etwas zur Lösung dieses Problems beitragen zu können. Die bisherige deutsch-indische Zusammenarbeit im Bereich Ausbildung, insbesondere das duale System, sei sehr erfolgreich und sollte intensiviert werden, so Botschafter Vyas. 

Ein weiteres, von der Wirtschaft kontinuierlich kritisiertes Hemmnis ist die Infrastruktur. Im laufenden Fünfjahresplan (2007 bis 2012) sollten 500 Mrd. US$ in diesen Bereich investiert werden, dieses Ziel wird voraussichtlich jedoch erst 2015 erreicht werden. Um die Summe aufzubringen, setzt die indische Regierung auf ein verstärktes Engagement des Privatsektors. Die Mehrzahl der Vorhaben soll im Rahmen von Public Private Partnership realisiert werden. Die Zusammenarbeit zwischen Öffentlicher Hand und Privatwirtschaft gestaltet sich laut Meinung von Konferenzteilnehmern jedoch nicht immer einfach.

Deutsche Unternehmen sind in indischen Infrastrukturprojekten mit Ausnahme der Flughäfen bislang kaum vertreten. Chancen bestehen unter anderem im Bereich der erneuerbaren Energien. Indien hatte im November 2009 die National Solar Mission verabschiedet, die vorsieht, dass bis 2022 rund 20.000 MW Solarleistung ans Netz gehen sollen. Das Land brauche in Zukunft in vielen Bereichen grüne Technologien und sei auf ausländisches Know-how angewiesen. "Diese Entwicklung passt gut zum deutschen Wachstumsweg", bekräftigte Botschafter Vyas die Möglichkeit für eine Zusammenarbeit. 

Voraussetzung für erfolgreiche Geschäfte auf dem indischen Markt ist laut Firmenvertretern, dass man sich auf die besonderen Gegebenheiten einlasse und zum "local player" werde. Das Wissen und die kulturelle Kompetenz lokaler Mitarbeiter müssten genutzt, indische Lieferanten integriert werden. "Indien kann man nicht am Nachmittag bearbeiten. Man muss das Land als strategischen Markt betrachten und gutes Personal sowie viel Zeit investieren", fasste Bernhard Steinrücke, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer, zusammen. 

Anna Westenberger / gtai